Tim’s erste Eindrücke – live aus Kenia

Tim Koch, Betreuer der ersten 3 Laufwochen auf der Turracher Höhe und seit 2 Wochen wertvolle Hilfe im run2gether Sports Centre in Kenia berichtet über seine ersten Eindrücke:

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Hallo zusammen!

Zwei Wochen ist es nun schon her, dass ich das „Klein-Kenia“ auf der Turracher Höhe verlassen habe und über den kleinen Abstecher in die Heimat dann letzten Montag ins „echte“ Kenia geflogen bin. Seit gut einer Woche bin ich also schon hier und im Folgenden werde ich ein wenig von meinen bisherigen Erlebnissen berichten.

Ankunft

So ein wenig ein mulmiges Gefühl war schon dabei als ich in Nairobi nach dem Verlassen des Flugzeugs erstmals kenianischen Boden gespürt habe, ich gebe es zu. Ich habe schließlich nicht vergessen, dass ich es immer war, der seit seiner letzten Tansania-Reise (2002) doch stets über Jahre betont hatte: „nie wieder Afrika“! Vermutlich wäre das auch die nächsten Jahre ja auch so geblieben, aber wozu eben so eine Absage aus Neuseeland alles gut ist…

Doch insgesamt bin ich ja nach den so intensiven und tolle Wochen auf der Turrach eigentlich ja schon mit dem Gefühl der Sicherheit abgeflogen, dass das hier keine komplette Katastrophe werden würde :-)

Am Flughafen bin ich allerdings erstmal ein wenig bedröppelt dagestanden, da das mit Kenia und der Zeit eben so ist wie wohl in allen afrikanischen Ländern und mein werter Abholservice trotz langem Visum-Anstehens und Geldtausch offenbar noch nicht in Nairobi angekommen war… Naja nachdem ich dann auch ungefähr allen Taxifahrern ein für allemal erklärt hatte dass ich sie nicht brauche, habe ich dann endlich einen gelben run2gether Pulli mir entgegenflitzen sehen und ich wurde von Benson so herzlich begrüßt als ob ich schon x-mal hier gewesen und ich ein alter Kumpel wäre.

In Nairobi war der Feierabendverkehr noch im vollen Gange und das Chaos das da herrscht – hoch lebe der geordnete deutsche Straßenverkehr! Doch irgendwann waren wir auch aus dem letzten Stau draußen und es ging mit Julius, der angeblich wohl „one of the best driver of kenya“ ist, über die vom Regen ausgeschwemmten und mit Schlaglöchern übersäten Straßen in Richtung Kiambogo.

Das „Mt.Longonot Sports and Recreation Centre“

Der Platz an welchem ich wohl die meiste meiner Zeit bis Oktober verbringen werde, wenn ich nicht gerade auf Ausflug, Safari, o.ä  sein werde. Wer ein paar Minuten Zeit mitbringt und das Camp noch nicht kennt, kann sich hier von Gitonga durch das Camp führen lassen und ein paar schöne Aussichten erhaschen! Es lohnt sich denke ich…

http://www.youtube.com/watch?v=BxA68Fh5iqY

Wie wohl die meisten wissen ist das  Camp erbaut worden und seitdem quasi das Zentrum von run2gether. Hier tummeln sich derzeit um die 30 Läufer/innen und mit mir rund fünf europäische Gäste. Außerdem wohnt hier auch der Trainer (der so schrecklich schnarcht dass ich das durch die Wand höre, obwohl extra deshalb wohl noch die Durchgangstür zugemauert wurde :-)), welcher zumindest theoretisch auch das ganze Treiben hier im Blick haben sollte. Er ist aber ziemlich kenianisch entspannt…

Was absolut bestechend ist, ist die Lage des Camps. Kaum krieche ich aus dem Bett und trete vor die Tür, habe ich Blick auf den Mount Longonot, blicke daneben auf unendliche Weite und wenn ich mich nach rechts drehe taucht da der Lake Naivasha auf. Traumhaft…

Das Training

Nun man kann glaube ich viel davon sprechen, dass Kenianer einfach von Grund auf bessere Voraussetzungen mitbringen um schnell zu laufen, aber wenn man mal tatsächlich ein Blick hinter die Kulissen wirft, sieht man schnell, dass das was hinter den tollen Zeiten steht, einfach auch bretthartes Training ist. So sind zwei bis drei Einheiten pro Tag (6.30/9.30/16.30) bzw. 150-180km pro Woche einfach der Standard. Für viele Läufer ist das Laufen die Chance aus der Armut zu entkommen und nur so kommt es eben auch, dass hier die Jungs den Halbmarathon in ca. einer Stunde (einer sogar in 59min…) rennen und irgendwelche Zeiten um 29 min für die 10km nichts besonderes sind!

Für mich selbst ging es erstmal gemütlicher los. Mein neuer Kumpane Benson (im übrigen ein verdammt cleverer 19jähriger Bursche, der über run2gether nun ab August für drei Jahre in Finnland eine Ausbildung machen darf) hat sich mir also angenommen und wir gingen zu Zweit das Ganze mit einem etwas gemächlicheren morning run um 6:30 an. Um ehrlich zu sein wäre auch nichts anderes als recht gemächliches Joggen für mich drin gewesen, denn die unheimlich holprigen Wege, das ständige auf und ab, und natürlich nicht zuletzt die Höhe (wir sind auf 2400m)  fordern ihren Tribut… Doch schon ab dem zweiten Tag hat Benson die Sache angezogen und ich wurde getestet ob ich denn nicht wenigstens schon „Longruns“ mit den Athleten machen könne… Ich muss schon sagen dass die Kenianer wirklich sehr höfliche Menschen sind und einem doch immer wieder sagen dass man „strong“ sei, auch wenn man selbst bei seinem Laufpartner noch kaum ein Schnaufen oder eine Schweißperle entdecken kann :-)

Die Woche habe ich dann bis Samstag doch extra trainiert und die Athleten quasi nur aus der Ferne beobachtet, ehe ich mich dann zum Tempotraining am Samstagmorgen unter sie mischen wollte. Es blieb leider beim Versuch… Mein Plan war mich an die Damen zu hängen, aber da die beiden die mitgemacht haben, durchaus in der Lage sind die 10km in 32min zu rennen, hatte ich – erst recht nach einer für mich anstrengenden Trainingswoche mit 80km in 5 Tagen – keine Chance zu folgen. So war ich herzlich dankbar an zwei Jungs (13 und 15), welche am Wochenende immer mittrainieren und die genau meine Pace hatten. Herzlich willkommen in der Realität :-)

Glücklicherweise darf ich aber seit gestern dann aber endlich kleine persönliches Erfolgserlebnisse feiern. Frisch erholt durch sonntäglichen Ruhetag habe ich gestern 3 Einheiten mit den Läufern trainiert, ich konnte mich sogar bei den Bergsprints mit den Damen halten und auch auf der provisorischen Bahn heute war ich beim Tempotraining wenigstens nicht ganz Letzter ;-)

Was übrigens eine unheimlich nette Sache des Laufens ist, dass aus allen Ecken die Kinder gesprungen kommen, entweder „Musungu“ (=Weißer) oder „How are you?“ rufen und dann versuchen eine Runde mitzuhalten. Die Freude und die strahlenden Gesichter sind absolut ansteckend!

Was ist eigentlich meine Aufgabe hier?

Nun, wenn man das produktive Dasein im Vergleich zur Turracher Höhe betrachtet ist Kenia bislang  bestimmt eher ein kleiner Schritt zurück. In Österreich konnte ich schnell Verantwortung tragen, Trainings mit Gästen leiten, Athleten betreuen und zu Rennen begleiten, bei Pressekonferenzen übersetzen, Kontakte knüpfen, Renneinladungen einholen, etc.

Vieles von dem ist hier vor Ort natürlich nicht möglich/nötig und mein Dasein hat andere Schwerpunkte. Derzeit arbeite mit (bzw. bearbeite) ich den Trainer, dass das eigentlich angebotene Online-Coaching-Konzept in Schwung kommt, daneben geht es vor allem erst einmal darum, dass ich viel mit den Athleten kommuniziere, Stimmungen auffange und auch mit kritischem Blick die ganze Sache betrachte, um zu erkennen wo es denn hier eigentlich vor Ort noch hakt und wo es Verbesserungsbedarf gibt. Beispielsweise ist ein Ziel für die Zukunft, noch mehr Leistungssportler aus Europa nach Kiambogo zu bringen. U.a. wird derzeit im Ortskern eine Aschenlaufbahn gebaut. Doch welche Bedingungen müssen sonst geschaffen werden im Vergleich zu anderen Laufzentren in Kenia? Ich werde deshalb auch bald nach Iten/Eldoret reisen um mir DIE Läufergegend schlechthin in Kenia mal näher anzuschauen.

Später ist es ein Thema, dass ich eventuell versuchen werde einige typische „kenianische Strukturen“ im Camp ein wenig aufzuweichen bzw zu europäisieren und das Versorgungsnetzwerk durch örtliche Bauern zu verbessern, aber dazu muss ich mich hier zuerst noch ein wenig besser auskennen.

Da es aber auch aus Kenia möglich ist Emails zu tippen, habe ich weiterhin versucht Kontakte zu knüpfen und heute freudig die Nachricht vernommen, dass mir RunnersWorld für Frühjahr einen ausführlichen Bericht zugesichert hat. Das ist natürlich der perfekte Multiplikator für run2gether…

Das „Drumherum“

ESSEN – Natürlich ein Thema! Pizza, Spätzle, Maultaschen, einen leckeren Salat… Davon werde ich in den nächsten Wochen wohl nicht all zu viel erhalten. Den Speiseplan habe ich recht schnell erklärt. Er ist einfach, aber zum Laufen erprobt und echt optimal!

Frühstück: Option a) Süßkartoffeln b) Weißbrot mit Erdnussbutter/Margarine/Marmelade; dazu aber selbstverständlich Chai (für die Kenianer mit Unmengen Zucker…)

Mittagessen: Reis mit Bohnen (everyday…)

Abendessen: Das kulinarische Highlight. Hier gibt es folgende Dinge in unterschiedlichen Kombinationen: Ugali, Reis, Kartoffeln, Ugali, Bohnen, Kraut, Spinat, Chapati und Montag bzw Donnerstag ein wenig Fleisch;

→ was nie fehlt, und das ist für mich immer echt herrlich: frisches Obst, von der Melone, über Banane bis zur Ananas, das steht immer bereit und ist verdammt lecker

KIRCHE: Eine wirklich wichtige Rolle in Kenia spielt der Glaube. Es gibt an allen Ecken und Enden Kirchen, wie genau sich die aber in die unterschiedlichen Glaubensrichtungen differenzieren, das ist mir irgendwie noch nicht so ganz klar geworden… Nun bin ich am Sonntag also aber mal mit in die katholische im Ort, da unser Koch da der „Organist“ ist. Mein persönlicher Tipp an alle künftigen Kirchgänger: ein gutes Frühstück! Knapp 4h Gottesdienst wollen durchgestanden werden… Ich muss sagen ich war echt gespalten nach der Veranstaltung. Herrlich ist, wie alle auf einmal bestens gekleidet erscheinen und dann in den ersten 1,5h gesungen und getanzt wird als gäbe es kein Morgen mehr! Da hält es niemanden auf seinem Platz und es ist absolut mitreißend. Wobei man sagen muss, es liegt allerdings weniger an der herrlichen Musik, als an den begeisterten Menschen. Was nämlich absolut grausam ist, ist dass unser „Organist“ ein kräftig verstärktes Keyboard, dabei vor allem das elektronische Schlagzeug liebt und selbst leider nur in der Lage zu wenigen, immer wiederkehrenden Akkordfolgen ist, die er unendlich oft wiederholt. Es passt oft eigentlich gar nicht zum Gesang… Naja es ist aber ein Spektakel :-)

Eher öde war dann – da ich eben mit Suaheli so gewissermaßen meine Probleme habe – die etwa einstündige Predigt des Priesters. Wobei er mir immerhin noch netterweise dann persönlich seine Message auf Englisch mitgegeben hat: „Be who you are“! Ich werde es mir merken…

Was dann eben anschloß war ein ewig andauernder Teil des Spendens. Ich habe das eigentlich pflichtbewusst absolviert und wollte ja auch was geben. Was mir aber nicht klar war, war dass man eigentlich dreimal irgendwas geben sollte und sowohl noch Lose verkauft als auch Hühner, Milch und Anderes versteigert wurden. Eigentlich wird da natürlich auch von einem Weißen so einiges erwartet aber ich musste trotz mehrfacher Nachfrage und auffordernden Blicken enttäuschen. Mein Mitgebrachtes lagerte ja schon im Spendenkörbchen… Dies hat dafür gesorgt dass ich dann etwas verärgert die Kirche verlassen habe, auch wenn ich (oder mein Geld) auch nächsten Sonntag herzlich willkommen wären.

Trotzdem: Ein Kirchenbesuch ist ein absolutes Erlebnis und hat einfach absolut nichts mit dem uns gewohnten Ablauf zu tun…

ARMUT: Man muss sagen dass ich im Vergleich zu dem was ich auch in Tansania schon erlebt habe, man hier im Camp ja schon eine Art „Afrika light“ erleben darf. Uns Europäern wird es einfach gemacht uns in Kenia einzuleben. Auch wenn alles einfach ist, gibt es nette Gästezimmer, gute Matratzen, „echte“ Toiletten und morgens und abends warmes Duschwasser.

Wie es oft in der Realität aussieht, erlebt dann man deshalb entweder wenn man sich im Zentrum, unter die Leute mischt, an Wohnhäusern und spielenden Kindern vorbeijoggt oder absolut hautnah wenn man eingeladen wird. Gerade die beiden Jungs die mir am Samstag bei der Tempoeinheit zur Seite gestanden sind, wollten mir am Sonntag unbedingt ihr Zuhause zeigen. Unheimlich nett von den beiden. Zur Verstärkung und falls es eventuell Sprachprobleme geben sollte habe ich Benson gefragt ob er mich begleiten könnte. Doch leider hat es dem jungen Mann dann wohl auch eher die Sprache verschlagen als wir die einfache Hütte von Maningahu betreten haben und seine Unterstützung war etwas dürftig.. Er gestand mir auch ein wenig geschockt gewesen zu sein bezüglich dessen was wir hier antrafen. Auf ungefähr 12 Quadratmetern leben, Großmutter, Mutter und 8 teils bereits ausgewachsene Kinder. Und der eine Raum, unterteilt durch ein paar Tücher, dient als Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer.

Offensichtlich wurde ich bereits erwartet, die Familie war versammelt und in der Mitte kochte ein riesiger Topf mit Mukimo (gestampfte Kartoffeln, Spinat, Bohnen, Mais, eben gemixt → das Nationalgericht des Stammes Gikuyu hier). Leider war ich eigentlich überhaupt nicht auf einen Essensbesuch eingestellt und kam gerade vom Lunch bei welchem ich nach der Kirche heißhungrig über Reis mit Bohnen hergefallen war. Außerdem haben bei mir auf einmal dann auch erstmals sämtliche Alarmglocken geschrillt was den Gedanken an Hygiene und so angeht… Wie war das nochmal mit kein offenes Wasser hier trinken und so…?

Doch es war eben absolut rührend, haben sie doch eigentlich kaum selbst genug zu Essen, hat mich die Familie überhäuft mit Mukimo und Chai. Deshalb habe ich getan was ich konnte… Trotzdem bin ich leider an meiner Mega-Portion gescheitert, was etwas heißen soll, da ich doch eigentlich ja als leistungsstarker Esser gelte ;-)

Was mir schrecklich peinlich war, war dass ich eigentlich mit leeren Händen gekommen war. Die Familie war so stolz einen Weißen zu Besuch zu haben und sie haben alles gegeben! Es wäre absolut angebracht gewesen zumindest irgendetwas zu geben zu haben. Doch ich werde versuchen das bald zu Korrigieren wenn mein Bruder Jonas hier mit ein paar alten Laufschuhen für Manigahu ankommt!

 Nun ich könnte noch viel erzählen, vom Besuch in der Waisenschule, vom Einkauf auf dem Markt, von der Mentalität der Leute, etc… Aber ich denke ich habe euch nun genug Zeit gestohlen, denn ich weiß ja wie schnell es sich in Europa im Vergleich zu Kenia lebt :-) So hebe ich mir noch ein wenig was für das nächste Mal auf…

Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, nur her damit (tim@run2gether.com)! Wobei man natürlich die grundsätzlichen Infos über das Projekt ja bestens auf der Homepage erhält ;-)

 Alles Gute nach Europa!
Liebe Grüße
Tim

2 Kommentare
  1. Christoph Weigel
    Christoph Weigel says:

    Hi Tim,

    danke für den super Artikel und die Eindrücke. Auf der Turracher Höhe hattest du es einfacher nicht Letzter zu werden ;-)
    Das bestärkt mich, nächstes oder übernächstes Jahr auch den Schritt nach Kenia zu wagen.

    Viele Grüße aus Thüringen
    Christoph

    Antworten

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